![]() | 12.12.2002 |
"Die Menschen merken, dass ich ehrlich bin"
Jeder Auftritt ist für die Krefelderin ein "Sichöffnen" / Der Erfolg kam über die Hintertreppe / Platin für ihr "Best of"-Album
Von Sabine Küssner
Eben holte sie mit ihrer "Best of"-CD Platin. Und seit über einem Jahr steht sie gleich mit zwei Alben in den deutschen Hitparaden: Andrea Berg ist die momentan erfolgreichste deutschsprachige Sängerin. Doch Boulevardpresse und -magazine beißen sich an ihr die Zähne aus. Intime Geständnisse überlässt die Krefelderin, die mit ihrem Kollegen Olaf Henning verheiratet ist, lieber anderen: "Jeder sollte sein Privatleben haben und in dieser Beziehung auch in Ruhe gelassen werden.", sagte die Künstlerin im FN-Interview.
FN: Andrea, geben Sie eigentlich gerne Interviews?
Berg: Das gehört zu meinem Beruf. Ärgerlich finde ich es, wenn mich Leute interviewen, die überhaupt keine Informationen über mich haben und mich fragen: "Was machen Sie eigentlich für Musik?"
FN: Sie haben mit Ihrem "Best of"-Album Platin geholt und auch sonst gerade in diesem Jahr schon viele Preise abgeräumt - ohne ständig in der "Bild"-Zeitung zu stehen.
Berg: Ich halte mich gerne mehr im Hintergrund. In RTL oder SAT 1 werden oft Geschichten gesendet, die die Allgemeinheit gar nichts angehen. Jeder sollte sein Privatleben haben und in dieser Beziehung auch in Ruhe gelassen werden. In meinem Privatleben möchte ich Kraft tanken können. Wenn ich es aber dazu nutze, billige PR-Geschichten zu machen, glaube ich nicht, dass mir das gut tut.
FN: Der Erfolg gibt Ihnen recht.
Berg: Ich habe es wohl über die Hintertreppe geschafft. Auf einmal fällt allen auf, dass ich die Goldene Stimmgabel überreicht bekommen, mit meinem "Best of"-Album Platin geholt habe. Dieser Überraschungseffekt ist sehr schön und gibt mir auch recht. Ich möchte lieber mit den Menschen Auge in Auge kommunizieren als mich zum Beispiel jemandem von der "Bild"-Zeitung anvertrauen.
FN: Im Zusammenhang mit Ihnen liest man immer wieder den Namen Ihres Produzenten Eugen Römer. Würden Sie behaupten, Sie wären ohne ihn heute nicht so weit oben?
Berg: Auf jeden Fall! Eugen Römer ist Andrea Berg und Andrea Berg ist Eugen Römer. Das ist so schön, in solch einer harten Zeit sagen zu können: Wir haben zehn Jahre zusammengearbeitet und sind musikalisch gesehen eine Einheit. Dadurch kann man viel in die Tiefe, direkt in die Seele gehen. Ich glaube, dass sich der Erfolg aufgrund dieser Zusammenarbeit eingestellt hat. Wenn man Musik macht, hat man nur das Medium Stimme, um Gefühle rüberzubringen. Man muss Traurigkeit oder Sehnsucht aufs Band bekommen, ohne dass der Zuhörer ein Gesicht sieht. Ich muss die Emotion durch meine Stimme vermitteln. Und das kann ich durch die Zusammenarbeit mit Eugen Römer.
FN: In Ihren Liedern spielen die Gefühle ja eine wichtige Rolle. Sind Sie selbst auch sehr gefühlsbetont - anders herum gefragt: Wünschen Sie sich manchmal ein dickeres Fell?
Berg: Oh ja! Es ist manchmal unheimlich hart. Für mich ist jeder Auftritt auch ein Michöffnen. Ich könnte nie auf die Bühne gehen und meine Lieder einfach nur heruntersingen. Deshalb ist das auch sehr anstrengend, weil ich alles von mir gebe und von mir erzähle. Die Menschen merken, dass ich ganz ehrlich ich selbst bin. Natürlich kommt mit zunehmendem Erfolg auch Kritik aus dem Umfeld. Das tut mir ein bisschen weh.
FN: Gerade in Ihrer Branche sind die Neider ja dick gesät.
Berg: Das finde ich so schade. Man könnte viel harmonischer miteinander umgehen wenn nicht jeder darauf schielen würde, was der andere macht. Das ist gar nicht meine Art. Ich mag harmonisch und offen mit den Menschen reden. Aber wenn man ehrlich ist und und zwei Tage später aus der dritten Ecke hört, was man demjenigen angeblich erzählt hat und das schon wieder ganz anders verpackt wird, dann tut mir das weh. Und deswegen versuche ich mich auch zurückzunehmen. Ich mache meinen Job und gehe nach Hause. Man sollte sich vielleicht gar nicht so sehr öffnen. Denn dann wird man angreif- und verletzbar.
FN: Sie treten gerne in eleganter Robe auf.
Berg: Für mich ist es egal, ob ich bei einem Schützenfest im Zelt singe oder auf einer Betriebsfeier. Das ist mir ganz gleichgültig, solange da Menschen sind, die meine Musik hören wollen. Und die sie mitleben. Das tut mir unheimlich gut. Und da macht mir auch ein verhältnismäßig kleiner Job großen Spaß, weil man so viel mehr Kontakt zu den Menschen bekommt. Wenn ich im Publikum jemanden sehe, der sich verstohlen eine Träne aus den Augen wischt, ist das für mich ein Riesenkompliment. Denn ich weiß, wie die Titel entstanden sind. Manchmal geht mir das im Studio auch so, weil mich ein Text so sehr anrührt. Ich finde es schön, wenn die Menschen in der heutigen Zeit wieder mit Gefühlen reagieren. Vielleicht hatten sie früher Angst davor, sich so zu öffnen. Aber in letzter Zeit merke ich verstärkt, wie meine Texte förmlich aufgesogen werden - auch von jungen Leuten. Und das tut mir nach all den Jahren, in denen ich immer etwas neben dem "Ballermann" dahinvegetiert habe, schon sehr gut. Ich hatte immer das Gefühl, dass das, was ich mache, richtig ist. Mittlerweile können die Menschen "Ballermann"-Lieder nicht mehr hören und kuscheln zum Beispiel lieber zu meinem "Tango amore".
FN: Das heißt, dass Sie sich keinen Strömungen oder Modeerscheinungen hingaben, sondern immer das machten, hinter dem Sie auch stehen konnten?
Berg: Die erste Single, die ich vor über zehn Jahren aufnahm, hieß "Schau mir noch einmal ins Gesicht" - ein autobiographisches Lied. Den Text habe ich selbst geschrieben. Ich habe einen direkten Einfluss auf meine Texte. Das macht mich sehr stolz. Ich habe immer Erfolg gehabt, aber stets ein bisschen versteckt. Auch bei den großen Sendungen im Finale stand ich nie in der ersten Reihe. Trotzdem habe ich es geschafft, bin ganz oben. Das ist unvorstellbar für mich - und wunderschön.
FN: Sie haben eine kleine Tochter. Zu welch einem Menschen möchten Sie sie erziehen?
Berg: Sie möchte gerne Tierärztin werden. Mit dem Rummel um meine Person geht sie ganz normal um. Sie war auch schon auf der Tournee der "ZDF-Hitparade" dabei und war dort das Maskottchen. Heute fährt sie nicht mehr so oft mit. Wenn, dann verteilt sie gerne und ganz cool die Autogramme. Ich finde es klasse, dass sie es so locker nimmt, möchte sie aber dennoch soweit wie möglich aus dem Business heraushalten. Sie soll ganz individuell ihre Persönlichkeit entwickeln. Ich werde ihr alle Möglichkeiten offen halten. Und wenn sie eines Tages Sängerin werden möchte, dann werde ich genauso reagieren wie mein Papa damals: Ich werde ihr raten, erst mal einen ordentlichen Beruf zu erlernen. Denn dieser Job ist so was von knochenhart, dass man sehr tough sein muss, um sich durchzubeißen.