![]() | 13.03.2002 |
"Ehrlich zu sich selbst sein"
Das musikalische Allroundtalent weiß, wie man im Showbiz überlebt
Bernie Paul im Interview mit Sabine Küssner
Wer behauptet, noch nie ein Lied von Bernie Paul gehört zu haben, irrt. Bestimmt! Der Mann würde sich wahrscheinlich langweilen, schriebe er Songs nur für sich selbst. Natürlich ist er auch damit äußerst erfolgreich - seine Hits wie "Lucky", "Oh no no" oder "Night after Night" sind längst Evergreens. Genauso gern schneidert er aber auch anderen Künstlern das passende Melodienkostüm auf den Leib. Peter Kent etwa den Gute-Laune-Song "It's a real good Feeling", der Band "Relax" die bayerische Liebeserklärung "Weil i di mog". Rosanne Cash, der Tochter des legendären Johnny, verhalf er zum ersten Plattenvertrag, Sacha Distel mit der französischen Coverversion von "Oh no no" zum Comeback.
Beck's Bier verkauft sich besser mit seinem Werbesong "Sail away", und auch die Titelmelodie der RTL-Serie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" geht auf sein Konto. Das war mal eben eine kleine Auswahl.
Bei der "Bayern 1-Hitarena" in Nürnberg (wir berichteten) zeigte das 50-jährige Allroundtalent seine Fähigkeiten als Entertainer. Danach nahm er sich Zeit zu folgendem FN-Interview: FN: Bernie, Sie haben eben einen umjubelten Auftritt hingelegt. Wie fühlt man sich hinterher?
Paul: Sehr gut!
FN: Was gehört dazu, um Menschen so mitzureißen? Paul: Ein bisschen Talent sollte man schon mitbringen. Mit dem Publikum zu arbeiten, auf die Leute einzugehen, das gehört genauso zum Geschäft. Es reicht nicht, wenn man im Studio ein Lied aufnimmt und hinterher Angst hat, auf die Bühne zu müssen.
FN: Sie singen, komponieren, produzieren, moderieren. Wobei schlägt das Herz am lautesten?
Paul: Bei allem! Das Schöne daran ist, dass ich es mir nach Lust und Laune aussuchen kann. Ob bei Auftritten oder beim Liederschreiben: Ich tue das, was mir Spaß macht. Und als Produzent suche ich mir solche Künstler aus, die mehr mitbringen als nur ein Stimmchen. Wenn man jemand auf den Weg schicken will, muss alles zusammenpassen.
FN: Bei der Vielzahl an Leuten, die heutzutage meinen singen zu können, muss es Ihnen ja ziemlich oft schlecht werden.
Paul: Nicht nur heutzutage! Was da auf die Menschheit losgelassen wird - vor dem Hintergrund, im Studio kann man alles machen - ist schon dreist. Aber damit müssen wir leben.
FN: Sie haben das Sternzeichen Wassermann, der allgemein als kreativ gilt. Glauben Sie an solche Zusammenhänge?
Paul: Ja. Und meine Kreativität hat sich eben an der Musik festgemacht. Selbst wenn ich mir etwas anderes ausgesucht hätte, wäre ich auch da lieber für den kreativen als für den administrativen Teil zuständig.
FN: Ihre Lieder haben aller sehr eingängige, harmonische Melodien. Sind Sie ein Harmoniemensch oder können Sie sich auch mal richtig krachen?
Paul: Oh ja, das kann ich! Und das muss auch sein. Man kann nicht immer alles schlucken, und es ist auch nicht alles so harmonisch, wie es in Idealbildern gemalt wird. Zur Musik gehören für mich jedoch Melodie und Harmonie. Es muss einfach gehaltvoll sein. Sound und Groove stehen bei mir nicht so dermaßen im Vordergrund.
FN: Roy Black sang einst Ihren Hit "Lucky" auf deutsch. Er schien - zumindest zeitweise - am Showgeschäft zu zerbrechen, genauso wie Rex Gildo. Wie überlebt man in diesem Business?
Paul: Indem man ehrlich zu sich selbst ist. Indem man sich fragt, wie weit man etwas ertragen kann, wie weit man sich prostituieren mag und wie weit das, was man tut, noch im Einklang mit dem Selbstwertgefühl und der Selbstachtung steht. Die eigene Hemmschwelle wird häufig überschritten - auch unter Missachtung der Warnzeichen. Die Beiden haben sie entweder nicht erkannt oder missachtet. Roy hat sich bis zum Gehtnichtmehr verbraten lassen. Man kann auch nicht immer alles auf den Manager schieben: Man ist selbst ja auch ein gestandenes Mannsbild.
FN: Sie wurden kürzlich fünfzig, sind frisch verheiratet, haben Ihren Hit "Oh no no" neu aufgelegt - Sie starten richtig durch, oder?
Paul: Das stimmt. Und ich arbeite gerade an einem neuen Gesamtprojekt: Nach über zwanzig Jahren Bernie Paul als Interpret englischsprachiger Lieder mache ich jetzt einen großen Schnitt und singe deutsch. Und zwar so, wie ich das früher als Produzent von "Relax" gemacht habe: in Großstadtmünchnerisch, in verständlicher Mundart. Da stehe ich dazu, das bin ich. Und mit diesem Projekt starte ich jetzt durch.
FN: Bernie Paul unverstellt?
Paul: Genau!