![]() | 26.09.2003 |
"Das Innere spiegelt sich im Gesicht wider"
Peter Kraus erklärt sich sein jugendliches Aussehen mit seiner Zufriedenheit / Bald startet die neue Tournee
Von Sabine Küssner
Erst kam Brigitte Bardot, dann er: Peter Kraus zierte den allerersten männlichen Starschnitt der "Bravo". Das war 1959. Heute ist Peter Kraus junge 64 und mitten in den Vorbereitungen zu seiner neuen Tournee: Der deutsche Rock ‘n’ Roll-Star und Allrounder will erstmals auch etwas weihnachtliche Stimmung in die Konzerthallen bringen. Dass daraus keine betuliche Feier wird, versteht sich bei diesem nimmermüden Temperamentsbündel von selbst. Augenzwinkerndes Tourmotto des Tausendsassa: "Rockin’ Santa Kraus". Im FN-Interview ging es unter anderem um Nierentische, Volksmusik und fliegende BHs.
FN: Peter, Sie waren das erste männliche Modell für einen "Bravo"-Starschnitt. Hängt der noch bei Ihnen zu Hause?
Kraus: Da kommen wir gleich zu einem heiklen Thema. Viele Fans glauben, ich lebe in einem Haus, in dem Plakate von mir hängen und Nierentische stehen. Dabei mutet mein Haus überhaupt nicht an die fünfziger Jahre an. Ich besitze aus dieser Zeit so gut wie gar nichts mehr. In Zürich gibt es jedoch ein kleines Peter-Kraus-Museum, und dort hängt mit Sicherheit auch der Starschnitt. Ich bin überhaupt kein Nostalgiker. Das einzige, was hier herumsteht, sind ein Bambi und ein Goldener Löwe von Radio Luxemburg - der hält die Bücher im Regal.
FN: Und jetzt, Jahre später, sind Sie noch immer so gefragt wie damals und gehen erstmals auch auf eine Weihnachtstournee.
Kraus: Bis jetzt sang ich immer nur für meine Familie unterm Christbaum. Eine Weihnachtstournee habe ich noch nie gemacht. In diese Show möchte ich ein Thema einbauen, das mich schon lange beschäftigt: Der kommerzielle Coca-Cola-Weihnachtsmann hat das Christkind total verdrängt. Mit dieser Tournee gehe ich noch einen zweiten, neuen Weg - die Weihnachtssongs im Rock ‘n’ Roll-Gewand gibt es erst nur live auf der Bühne zu hören. Eine Weihnachts-CD ist dann für nächstes Jahr geplant. Aber natürlich bietet die Show auch das Programm, das die Leute von mir sehen und hören wollen.
FN: Manche Künstler haben ein Problem damit, immer noch die alten Sachen spielen zu müssen.
Kraus: Ich nicht. Denn wir verpacken sie in neue Arrangements, ändern die Songs oft ab. Und das macht Spaß! Ich stehe dazu. Natürlich darf man die Texte nicht mehr so ernst nehmen. Man hat Lieder, die man für sich selbst singt. Und es gibt Lieder, bei denen im Publikum eine unbeschreibliche Reaktion abgeht. Es ist unglaublich, wenn man nach so vielen Jahren noch so viele Augen zum Strahlen bringen kann - gerade in der heutigen schnellebigen Zeit. Von so etwas können heutige Popstars nur träumen. Dass Daniel Küblböck in fünfzig Jahren immer noch auf der Bühne steht, kann ich mir nicht vorstellen.
FN: Hat sich die Volksmusik-Szene nach Ihren Äußerungen wieder beruhigt?
Kraus: Ich glaube und hoffe es. Es gibt überall schlechte Leute, auch im Pop, Rock und Jazz. Außerdem habe ich überhaupt nichts gegen die Volksmusik gesagt. In dem Artikel hatte ich sogar Hansi Hinterseer als grandiosen, glaubhaften Künstler gelobt. Andere wirken dagegen unglaubhaft.
FN: Haben Sie mit diesem Aufruhr gerechnet?
Kraus: Aus einem sehr langen Interview, in dem es über Schlager und die Menge an Volkmusiksendungen im Fernsehen ging, hat die "Bild"-Zeitung ein paar Zitate herausgegriffen. Da habe ich gewusst: Jetzt gibt es Wirbel! Um den Schlager in Deutschland wieder auf Vordermann zu bringen, müssten wir auch eine eigene Bühne für ihn haben. Schlagerleute sind heute verurteilt, in Volksmusiksendungen aufzutreten.
FN: Rock ‘n’ Roller galten schon immer als Rebellen. Waren Sie auch einer?
Kraus: Geschichten, die damals rebellisch waren, klingen heute harmlos und witzig. Aber es war schon eine Rebellion. Ich glaube kaum, dass ein Jugendlicher, dem es verboten wurde, eine Platte von mir zu kaufen, seinen Eltern gesagt hätte: Davon versteht Ihr nichts. Dann wäre er enterbt worden. Es war ja das erste Mal, dass junge Leute für junge Leute Musik machen.
FN: War das Business damals schon so verrückt wie heute?
Kraus: Es war total anders. Alles, was auf dem jungen Sektor geschah, war völlig neu. Als ich das erste Mal auf der Bühne stand und junge Mädchen an mich ‘ranwollten, war das neu. Damit hat niemand gerechnet. Und wenn ein Saal zertrümmert wurde, war das auch neu, genauso, wenn Mädels ins Hotel einstiegen. Heute ist das normal. Bei jedem Popstar müssen vorne ein paar Kinder in Ohnmacht fallen, sonst ist er kein Popstar.
FN: Sind bei Ihnen auch Slips und BHs auf die Bühne geflogen?
Kraus: Slips nicht, BHs - das kann schon sein. Aber eines ist sicher: Was damals geflogen ist, war echt gemeint und nicht gestellt oder manipuliert. Damals war alles wirklich echt. Da gab’s noch keine Leute, die Storys erfanden, um in die Zeitung zu kommen. Man hat seinen Job gemacht und hatte seinen Spaß. Ich war zwar ein Star für die Gleichaltrigen, aber dennoch einer von ihnen, der eben was Besonderes macht. Damals gab es noch eine Vorbildfunktion und auch Verantwortungsbewusstsein. Beides ist heute verschwunden.
FN: Wie gingen Sie als junger Mensch mit dem plötzlichen Ruhm um?
Kraus: Damals hatte man noch keine Bodyguards, aber bis auf ein paar einzelne Situationen habe ich immer die Nerven behalten. Man war mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Ich komme aus einer Künstlerfamilie. Stars wie Gunther Philipp waren meine besten Onkels. Mein Vater sagte mir immer, dass dieser Spuk nicht lange anhalten wird.
FN: Da hat er sich getäuscht.
Kraus: Ja, aber er hat mich darauf vorbereitet, dass es auch wieder anders kommen kann. Wir sind nicht in das Business ‘reingeschickt worden wie die jungen Leute heute.
FN: Sie sind nie durch Skandale aufgefallen. Haben Sie die immer gut vertuscht oder gab es wirklich keine?
Kraus: (lacht) Damals gab es schon auch Skandale, aber aus heutiger Sicht waren sie lächerlich.
FN: Wenn es zu jener Zeit auch schon Casting-Shows gegeben hätte, wären Sie dabei gewesen?
Kraus: Es hätte sie gar nicht geben können, denn es gab niemand Vergleichbares. Mein Riesenvorteil und gleichzeitig auch Nachteil war, dass ich alleine dastand. Ich wünschte mir sehnlichst eine Band mit Gleichaltrigen. Aber die anderen Jungs spielten Klavier, Flöte, Geige. Es gab niemand, der sich für Rock ‘n’ Roll-Gitarre interessierte - unvorstellbar für heutige Begriffe.
FN: Hatten Sie damals auch einen Manager?
Kraus: Der Mann, der mich bei einem Konzert entdeckte und überredete, Schallplatten aufzunehmen - zuvor drehte ich ja Filme -, managte mich zusammen mit meinem Vater. Die schauspielerische Seite machte mein Vater, die Musik dieser Mann. Ich hatte die ganze Zeit eine sehr gute Betreuung.
FN: Das war gewiss wichtig.
Kraus: Das war sehr wichtig, weil ich mich überhaupt nicht für diese Seite des Geschäfts interessierte. Trotz der Ratschläge meines Vaters habe ich gedacht, alle diese Menschen in der Branche seien meine Freunde. Aber als ich sie in meiner ersten Krise nach sieben Jahren anrief, kannten sie mich kaum. Als junger Mensch wollte ich einfach nur Musik machen, lernen, spielen, mein Leben genießen und, ganz ehrlich, das Teenageridol ausnutzen.
FN: Warum auch nicht!?
Kraus: Warum auch nicht! Wenn die Mädels schon so lieb sind . . .
FN: Gibt es in dieser Branche überhaupt Freundschaften?
Kraus: Heute hätte ich natürlich Freunde - die Kumpels aus der alten Zeit. Heutzutage gibt es Seilschaften. In diesem Punkt bin ich ein Einzelgänger. In die Branche bin ich nicht so sehr involviert. Ich bin mit dem zufrieden, was ich mir seit Jahrzehnten aufgebaut habe. Und ich bin zufrieden, wenn der Kreis meiner Fans und das erhalten bleibt, was ich mir aufgebaut habe. Ich strebe aber nicht nach irgend etwas. Ich will lieber leben.
FN: Ist es diese Zufriedenheit, die Sie so jung aussehen lässt?
Kraus: Mit Sicherheit. Ich bleibe bei meiner These: Das Wichtigste ist, das Leben zu leben, das man sich nur in seinen eigenen Gedanken ausgemalt hat, und sich so wenig wie möglich beeinflussen zu lassen. Dass man sich den Traum erfüllt, den man sich selbst vorstellt. Und dass man nicht in die Versuchung kommt, alles Mögliche tun zu müssen, denn das macht alt. Es gibt so viele einfache Dinge auf der Welt, die man genießen kann und die glücklich machen. Das Innere spiegelt sich im Gesicht wider. Auch wenn man mit einem kleinen scharfen Messerchen daran arbeitet - das kriegt man so nicht hin.
FN: Ihr Sohn Mike hat Ihr Talent geerbt. Welchen Rat haben Sie ihm mit auf den Weg gegeben?
Kraus: Den gleichen, den ich von meinem Vater bekommen habe: Dieser Beruf ist eine harte Nuss, und deshalb musst du auch noch viele andere Dinge tun. Mike hat gerade den zweiten Preis bei einem Werbefilmwettbewerb in Berlin gewonnen, jetzt dreht er einen Film in Dänemark. Man darf sich nicht hinsetzen und warten, bis einen jemand entdeckt. Meine Familie und ich leben sehr intensiv zusammen und verstehen uns so gut, da gibt es auch keine Generationsschwierigkeiten. Ich bin rundherum happy mit ihm.
Peter Kraus gastiert am 20. November in Aschaffenburg in der Stadthalle am Schloss, am 21. November ist er im Bamberger Neuen Forum zu erleben (Tickets unter 0 69 / 9 44 36 60) und am 13. Dezember kommt er nach Heilbronn in die Harmonie (Karten bei den FN).