![]() | 20.12.2004 |
"Hey Alter, das ist ja wieder abgegangen!"
Leo Lietz von den "Lords" im FN-Interview / Die deutsche Beatlegende gibt noch immer Vollgas
Von Sabine Küssner
Ihn als "Urgestein" zu bezeichnen, wäre unfair. Erstens nennt man einen "Lord" grundsätzlich nicht so. Zweitens sieht er nicht so aus. Drittens sind Steine nicht musikalisch (von den "Stones" einmal abgesehen). Der Mann mit den drei großen L, "Lord" Leo Lietz, ist schlichtweg jemand, der mit seiner Band "The Lords" Musikgeschichte geschrieben hat. Ihr Song "Poor Boy" gehört zum deutsch-englischen Liedgut wie die Rüschenhemden zu den "Lords". Unverwüstlich, aber nicht ganz pflegeleicht - was natürlich nur die Bühnengarderobe betrifft: Leos Frau "darf" nämlich seine Hemden bügeln. "Oh nein, nicht schon wieder das Rüschenhemd!" sagt sie dann, verriet "Lord" Leo im FN-Interview. Darin ging es aber nicht nur um Hemden, die gebügelt werden müssen, sondern auch um Cola anstatt "Kohle", eine geklaute Gitarre und warum Leo auf der Bühne manchmal trotz schönem Hemd "gehemmt" ist.
FN: Leo, bügelt man als "Lord" seine Bühnengarderobe eigentlich selbst?
LIETZ: Nee! Im ersten Jahr unseres Bestehens vielleicht noch, aber danach schon nicht mehr.
FN: Das sind ja teilweise so hübsche Rüschenhemden . . .
LIETZ: Und die machen richtig Arbeit! Meine Frau schimpft immer: "Oh nein, nicht schon wieder das Rüschenhemd!" Wir haben damit vor 40 Jahren angefangen und jetzt ist das wieder total modern.
FN:Ihre Band ist nach dieser langen Zeit immer noch heiß begehrt. Wie erklären Sie sich die Faszination der "Lords"?
LIETZ: Wir geben uns locker, sind sehr verbunden mit dem Publikum. Wir suchen den Kontakt mit den Leuten, einfach, weil es uns Spaß macht - auch nach 42 Jahren noch. Es ist immer wieder ein Erlebnis für uns, auf die Bühne zu gehen. Wir verstellen uns nicht. Denn das wäre das Allerletzte! Da sind die Menschen sehr sensibel. Wir hatten auch Zeiten, in denen wir richtig gebechert haben. Aber wir merkten: Das geht nach hinten los. Seitdem trinken wir vor einem Auftritt nichts. Die Leute zahlen schließlich Eintritt und wollen gute Livemusik haben - und die bieten wir ihnen. Wir geben jeden Abend alles, und das macht wohl unseren Erfolg aus.
FN: Die Lords verstellen sich nicht, sagen Sie. Gibt es Bands, die das tun?
LIETZ: Das erleben wir oft. Und das ist schlimm. Manche Bands kommen nach Deutschland rüber, weil sie in ihrer Heimat gar nichts mehr zu tun haben. Sie kommen, kassieren und fahren wieder weg. Und sie kümmern sich einen feuchten Kehrricht darum, wie sie ankommen.
FN: Sehen die "Lords" sich eigentlich als Oldieband?
LIETZ: Überhaupt nicht. Zum Glück sind wir nicht so in die Oldiegeschichte hineingeraten wie die englischen Bands. Nehmen wir zum Beispiel die Rubettes, die Tremeloes, die Searchers, Sweet oder Smokie: Die spielen wirklich nur auf Gigs, bei denen jeder nur 25 Minuten auftritt, weil so viele Bands dabei sind. Die reißen nur ihr Ding runter. Wir machen Konzerte über zwei Stunden. Und da sehen die Leute: Das ist keine Oldieband, das ist unsere deutsche Beatlegende!
FN: Waren Ihre Eltern damals sehr erbaut, als Sie ernsthaft die Musikerlaufbahn einschlugen?
LIETZ: Mein Papa war ein ganz lustiger Vogel. Er sagte: "Junge, du machst das!" Wir hatten unseren Wohnsitz bei den Eltern, lebten aber sechs Jahre lang nur aus dem Koffer. Nach Hause kamen wir nur an Weihnachten. Aber unsere Eltern standen hinter unser Karriere.
FN: Das war damals bestimmt die Ausnahme.
LIETZ: Ja, aber ich hatte meine Lehre gemacht und sie auch beendet. Ich war ein Jahr lang Dekorateur im KadeWe in Berlin. Und dann ging es los, ich war 19. Unsere Eltern haben noch die Verträge unterschrieben.
FN: Woraus bestand Ihre Gage denn ganz am Anfang? Aus einem warmen Abendessen?
LIETZ: Wir haben eine Cola gekriegt. Als "The Skiffle Lords" bekamen wir nie Geld. Wir haben mal auf dem Ku’damm gespielt und einen Hut hingelegt: So viel Geld wie da haben wir in den ganzen Jahren als "The Skiffle Lords" nicht verdient!
FN: Sie haben viele interessante Leute in Ihrem bisherigen Leben getroffen. Wer hat Sie bis jetzt am meisten beeindruckt?
LIETZ: Ich könnte Ihnen jetzt 1000 Namen nennen. Aber niemand hat mich so beeindruckt wie unser Fanclubleiter Rolf. Ein Schlaganfall änderte von jetzt auf nachher sein Leben. Doch obwohl er nun selbst immer auf Hilfe angewiesen ist, hilft er uns und bietet nach wie vor seine Unterstützung an. Vor Rolf habe ich großen Respekt.
FN: Ihr verrücktestes Erlebnis?
LIETZ: Das hatten wir, als wir als erste Westband hinter dem Eisernen Vorhang in Polen spielten. Mit einem Armeelastwagen sind wir in ein Fußballstadion reingefahren worden. Wir saßen hinter einer Plane, haben nichts gesehen, wussten nicht, wo es hingeht. Und dann stiegen wir aus und 30 000 Menschen jubelten uns zu. Es war sensationell. Über diese Tournee durch Polen berichtete der "Stern" auf fünf Seiten. In der "Tagesschau" waren wir die erste Meldung. Aber auch der Gewinn der deutschen Beattrophäe war irre.
FN: Was bedeuten Ihnen Ihre Gitarren, und wie viele haben Sie?
LIETZ: Ich glaube, zehn. Sie bedeuten mir nicht so viel wie vielleicht anderen Musikern. Ich spiele am liebsten nur auf einer, und zwar auf der, mit der ich am besten zurechtkomme. Die muss flutschen, die muss ein gutes Griffbrett haben und die Saitenlage muss stimmen. Meine Gibson Les Paul wurde mir geklaut. Mit der war ich verheiratet. Mit ihr hätte ich bis an mein Lebensende gespielt.
FN: Ihre Band gibt es seit 42 Jahren. Wie geht es in den nächsten 42 Jahren weiter?
LIETZ: (lacht) Na ja, so lange wohl nicht mehr!
FN: Musik hält doch jung!
LIETZ: Das stimmt, sie ist die Triebfeder. Ich habe für nächstes Jahr Verträge in der Tasche, da frage ich mich schon: "Überlegen die denn nicht, dass wir schon so alt sind?" Aber das spielt zum Glück keine Rolle mehr. Man darf allerdings auch nicht mit einer dicken Wampe auf die Bühne gehen. Es muss schon nach was aussehen. Man muss fit sein, denn die zwei Stunden schlauchen doch gewaltig.
FN: Was bedeutet Ihnen die Bühne?
LIETZ: Alles! Das ist unsere Droge, unsere schönste Droge. Sie würde ich jedem gönnen. In der Schalke Arena vor 45 000 Leuten zu spielen, von der Bühne zu gehen und 45 000 brüllen Zugabe - was Schöneres kann einem im Leben nicht passieren.
FN: Wie geht Ihre Frau mit Ihrem Erfolg um?
LIETZ: Ich habe sie im Jugendheim in Berlin kennengelernt, als wir noch für eine Cola gespielt haben. Sie hat alles erlebt und wir sind trotzdem immer noch glücklich verheiratet. Wir waren auch mal getrennt, aber haben immer Kontakt gehalten. Sie weiß, was unterwegs abgeht. Aber wenn ich nach Hause komme, ist alles vorbei. Auf Tour besucht sie mich nur bei den Highlights. Irgendwie ist man gehemmt, wenn die Frau dabei ist.
FN: Warum?
LIETZ: Sie guckt einen doch anders an. Man verkneift sich auch mal einen Spaß, weil man weiß, sie denkt: "Ooch, er nun wieder!"
FN: Sie haben auch eine Tochter.
LIETZ: Ja, sie wird Weihnachten 33. Als ich 25 war, dachte ich oft, wie es wäre, ein Kind zu haben und es erleben könnte, wie sein Vater auf der Bühne steht. Heute kommt sie ab und zu mal bei Gigs vorbei. Da sagt sie oft hinterher: "Hey Alter, das ist ja wieder abgegangen!" Sie ist sehr kritisch, weil sie sich auskennt. Sie spielt Klavier und Geige, mag auch moderne Musik. Wenn sie vor der Bühne steht, gebe ich mir besonders viel Mühe.
FN: Was ist das schönste Kompliment, das man "Lord Leo" machen kann?
LIETZ: Wie, du bist schon sechzig?
Die "Lords" spielen am 10. Juni 2005 bei der "Oldienight" in Jagsthausen. Tickets gibt es unter Telefon 0 79 43 / 91 23 45.