![]() | 28.03.2003 |
"Die Menschen brauchen eine Traumwelt"
Monika Martin im FN-Interview / Ihr Credo: Die Seele immer im Gleichgewicht halten
Von Sabine Küssner
Es gehört schon ziemlich viel Mut dazu, bei einer reinen Schlagerveranstaltung das "Wolgalied" zu singen. Monika Martin, die Interpretin aus Graz, hat es bei der "SWR 4 Starparade" in Stuttgart getan und viel Applaus dafür bekommen. "Weniger ist mehr", meint die studierte Sängerin, die oft als "stiller Star" bezeichnet wird. "Ich habe das Bedürfnis, meinem Publikum etwas mitzuteilen.", sagte die Künstlerin mit Köpfchen - sie hat ihren Doktor in Philosophie gemacht -, im FN-Interview.
FN: Monika, Sie haben gerade einen umjubelten Auftritt hinter sich gebracht. Wie fühlen Sie sich?
Martin: Erleichtert! Denn vor 10 000 Menschen zu singen, ist nicht ganz ohne. Bei solch einem Live-Act kann so vieles passieren! Man darf sich vorher gar nicht überlegen, was da alles sein könnte. Doch ich habe mir diesen Beruf ausgesucht und will gerne über meinen Schatten springen - auch wenn es vorher viel Lampenfieber gibt. Ich habe das Bedürfnis, meinem Publikum etwas mitzuteilen und eine Botschaft mit Hoffnung zu schenken. Ich kann die Menschen nicht alle persönlich kennenlernen, aber durch die Medien kann ich zu jedem nach Hause kommen, wenn er es will. Gott sei Dank gibt es verschiedene Geschmäcker und Sparten.
FN: Ihr "Wolgalied" ist ja nicht gerade ein typisches Lied für solch eine Veranstaltung, aber Sie haben damit großen Beifall geerntet.
Martin: Ich hatte eine Gänsehaut. Die Stimmung in diesem Moment war einfach fantastisch.
FN: Und das ganz ohne das übliche Herzschmerzthema.
Martin: Ich möchte da niemandem zu nahe treten. Es gibt auch Zeiten, in denen man einfach nur abschalten und einen schönen Abend verbringen will. Aber manchmal möchte man sich gemütlich zu Hause zurückziehen und in sich gehen. Für solche Augenblicke ist meine Musik gedacht. Die Plattenfirma hätte sich zu Beginn meiner Laufbahn nie träumen lassen, dass diese ruhige Art von Musik so gefragt sein könnte. Man kennt das ja von Festen: Je mehr Ramba Zamba, desto besser. Ich habe mir überlegt, welche Möglichkeit es gibt, die Menschen dennoch zu erreichen. Und die Antwort heißt: Ein Schritt zurück - weniger ist mehr. Ich war zehn Jahre Lehrerin und habe die Erfahrung gemacht: Wenn man ganz leise spricht, werden die Kinder automatisch still, denn alle wollen plötzlich wissen, was man sagt.
FN: Ihr Lied "Später, wann ist das?" gab’s schon einmal.
Martin: Der Titel ist 27 Jahre alt und wurde damals von Monika Morell gesungen. Mein Produzent Toni Kellner, der auch die Kastelruther Spatzen produziert hat, ist immer auf Titelsuche und arbeitet mit der Textdichterin Irma Holder zusammen. Sie erinnerte ihn an dieses Lied und sagte: Wär’ das nicht etwas für die Monika? Und so kam es zustande.
FN: Ist das Leben im Jetzt auch eine Ihrer Philosophien?
Martin: Ja, das kann man so sagen.
FN: Sie haben auch Philosophie studiert.
Martin: Und darüber hinaus Kunstgeschichte und Volkskunde. Heute würde ich das wahrscheinlich nicht mehr machen. Ich freue mich aber, es getan zu haben, weil ich als Mensch reifen durfte. Ich habe mein Studium durch das Singen verdient. Wie es kommt, so ist es geplant.
FN: Wer ist denn Ihr Lieblingsphilosoph?
Martin: Da gibt es einige, ich kann mich gar nicht festlegen. Wichtig ist für mich, meine Seele immer im Gleichgewicht zu halten. Denn wenn sie im Gleichgewicht ist, habe ich die Grundvoraussetzung für Glück, Freude und Gesundheit. Ich bin überzeugt, dass die Gesundheit durch Dinge, die nicht so richtig im Reinen sind, gefährdet wird, und ich glaube, dass jede Krankheit durch einen Konflikt herbeigeführt wird, der einen auf dem falschen Fuß erwischt. Im Grunde ist eine Krankheit nichts Bösartiges. Sie will nur sagen: Da ist etwas zu ändern in deinem Leben. Und man bekommt hundertmal die Chance, etwas zu ändern. Wenn man das nicht tut, verantwortet man das selbst. Und vor Auftritten sage ich mir einen Spruch, der mich ruhig werden lässt: Ich muss nicht mehr sein als ich bin. Ich kann nicht weniger sein als ich bin. Doch ich darf das sein, was ich bin. Ich brauche nichts vorgaukeln, muss in keine Rolle schlüpfen.
FN: Sie waren in den siebziger Jahren ein Teenager - welche Musik fanden Sie damals denn gut?
Martin: "One Way Wind" von den "Cats" verfolgt mich bis heute. Das ist ein Traum. Oder "I Don’t Wanna Talk About It" von Rod Stewart - Balladen, die in den Popbereich gehören, aber trotzdem eine Melodie an den Tag legen, die mich überwältigt. Ich brauche immer eine Melodie und lange, schöne Bögen. Da kann ich mich richtig hineinlegen! Ich stehe voll und ganz zu Schnulzen. Die Menschen brauchen hin und wieder eine Traumwelt, denn der Alltag ist manchmal fast nicht mehr zu ertragen. Und wir in diesem Beruf sind dafür verantwortlich, das für das Publikum auch zuzulassen. Solange wir uns der Illusion bewusst sind, kann sie uns nicht gefährlich werden.