Fränkische Nachrichten16.03.2005

„Ich powere noch mal richtig rein!”

Frank Zander hat mit seinem neuen Album „Rabenschwarz” wieder mal die Branche aufgemischt

Von Sabine Küssner

Frank Zander „Komm unter meine Decke” hört sich plötzlich so ganz und gar nicht mehr nicht mehr an wie eine Einladung zum Kuscheln. Die Worte ”Dich zu lieben” bekommen auf einmal etwas ziemlich Bedrohliches, und der „Zug nach Nirgendwo” mit „mir allein als Passagier” scheint geradewegs aus einem Gruselschocker zu stammen. Frank Zander hat mal wieder zugeschlagen, indem er einfach das machte, was ihm selbst gefällt. „Das Ende des deutschen Schlagers. Warnung! Vor dem Hören dieser CD fragen Sie bitte Ihren Arzt oder Apotheker!”, verkündet der Aufkleber auf der Scheibe schon mal grob die Richtung. Süßliche Schlagerschnulzen in harter Rammstein-Manier: Frank freut's, dass er die Branche mit seinem Album „Rabenschwarz” (Zett-Records) mal wieder so richtig aufgemischt hat: „Es macht viel Spaß, wenn man ohne Rücksicht auf Verluste so richtig reinhauen kann!”, sagte er im FN-Interview.

Frank, sind dir schon Ohnmachtsanfälle deiner Kollegen aus der Schlagerbranche zu Ohren gekommen?

ZANDER: Bedingt. Wir haben die CD gleich an die betreffenden Kollegen geschickt. Die Tochter von Udo Jürgens, Jenny, hat als erste reagiert. Sie sagte: „Mein Vater steht überhaupt nicht auf Rammstein.” Udo hat sich aber nicht gemeldet. Eigentlich hatte ich erwartet, dass er sich über meine Version von ´17 Jahr', blondes Haar´ so richtig aufregt. Aber er muss wohl seine Musiker nach ihrer Meinung gefragt haben, und die waren natürlich auf meiner Seite. Außerdem will er ja seine ganz jungen Fans nicht verlieren. Christian Anders meinte, er hätte plötzlich Angst vor seinem eigenen Lied bekommen. Matthias Reim ärgert sich, dass er nicht selbst auf die Idee gekomen ist. Aber die Heavy Metal-Leute sind da hart. Die mörteln jemanden runter, wenn er nicht dazu gehört. Aber ich habe ja mit dem „Nick-Nack-Man” oder dem Ur-Ur-Enkel von Frankenstein auch so angefangen, ich darf das. Einem Jürgen Drews zum Beispiel hätten sie das nicht geglaubt und böse Artikel geschrieben.

Rammstein hat man deine Platte vorgespielt. Sie dachten, es wäre eine ihrer früheren Aufnahmen.

ZANDER: Ja, die waren bei einem Berliner Radiosender, und die Moderatorin spielte ihnen meine Version von Gunter Gabriels „Komm unter meine Decke” vor. Da sagte der Gitarrist: „Ich weiß gar nicht mehr, wann wir das produziert haben.” Und sie sagte: „Ätsch, das ist Zander!”`.

Hat sich Schlager-Guru Dieter Thomas Heck auch schon zu Wort gemeldet?

ZANDER: Nee. Ich glaube nicht, dass der da so sehr drauf steht. Die ganzen Jahre habe ich immer versucht, mich anzugleichen. Und jetzt war ich es leid, mir anhören zu müssen: Mach doch mal was wie DJ Ötzi oder Drews! Irgendwann hab ich gesagt: Ihr könnt mich jetzt alle kreuzweise.

Es muss doch ein tolles Gefühl sein, eine Platte so ganz nach dem eigenen Geschmack zu produzieren.

ZANDER: Ja, sie ist schön laut, länger als sonst, und in den Sendern nicht spielbar. Aber die Rundfunk-Redakteure haben sich drum gerissen, die wollen sie nämlich privat hören. Das ist ein gutes Zeichen.

Diese Spielwiese kannst du auch beliebig ausbauen.

ZANDER: Ja natürlich, ich bin schon dabei. Die nächste Scheibe heißt „Dunkel” und ist im gleichen Stil. Das macht so richtig Spaß! Den Musikern natürlich auch. Der Gitarrist vollführte einen Kniefall und sagte: Endlich höre ich mal meine Gitarre!

Weißt du schon, an welchen Liedern du dich als nächstes „vergreifen” willst?

ZANDER: Ja, zum Beispiel an Chris Roberts' „Du kannst nicht immer 17 sein”. Er freut sich schon sehr, dass er da auch mit drauf ist. Das klingt völlig anders. Oder „Weine nicht, kleine Eva” von den Flippers. Es ist wirklich eine Freude, wenn man ohne Rücksicht auf Verluste so richtig reinhauen kann.

Denkst du auch an eine kleine Tour?

ZANDER: Klar, ich habe schon mal die Verstärker vom Speicher geholt und überlege mir, wie ich das hinkriege. Ich brauche kleine Clubs oder kleine Hallen, denn es soll ja noch intim bleiben. Es gibt jedoch viel mehr Leute, die darauf stehen, als ich gedacht habe.

Claudia Jung sagte neulich in einem Interview, dass in der Schlagerbranche keiner dem anderen das Schwarze unterm Nagel gönnt. Siehst du das auch so?

ZANDER: Ja, es gibt momentan über allen Köpfen ein riesiges Fragezeichen. Keiner weiß so richtig, wie es weitergeht. Die gesamte Branche ist gebeutelt. Die BMG in Berlin wurde ganz wegradiert. Aber es gibt immer einen Weg. Man sieht es auch an den neuen Gruppen, die sind ja alle frisch und gut. Ich möchte mit meiner CD den Kollegen auch Mut machen. Eigentlich könnte ich mich ja zur Ruhe setzen, aber ich powere lieber noch mal richtig rein. Einfach nur rumheulen und sagen, nichts geht mehr, das läuft nicht!

Für „Rabenschwarz” hast du dir den Silbermond-Gitarristen ins Studio geholt.

ZANDER: Ja, wenn ich was mache, dann hole ich mir die besten Leute. Ich war in deren Studio zu Gast. Denen gefällt das, was ich mache.

Die Lieder und auch die Bilder im Booklet sind so richtig schön gruselig. Gibt es eigentlich etwas, wovor du dich wirklich gruselst?

ZANDER: Ja, vor der Dunkelheit, vor Höhlen. In eine große Tropfsteinhöhle zu gehen, das wäre mir sehr unangenehm. Ansonsten aber bin ich ein Gruselfan.

Und was machst du, wenn jemand vorschlägt, dein nächstes Video in einer Tropfsteinhöhle zu drehen?

ZANDER: Wenn sie gut ausgeleuchtet ist, klar! Das „Nachbar”-Video habe ich auf die Schnelle gedreht und einfach meine Fantasie aktiviert. Es spielt in einer alten Russenkaserne, umgeben von einer traurigen Schneelandschaft.

Deine Seele ist ja nicht nur schwarz, sondern auch romantisch, wie dein „Ibiza Sunset Project” zeigt. Hast du heute schon geschaut, wie der Himmel über deiner Terrasse auf Ibiza aussieht?

ZANDER: Das mache ich jeden Tag! Und zwar immer als erstes. Es ist wunderbar, seinen Lieblingsort jeden Tag auf dem Schreibtisch zu haben.

Deine Partnerin aus der „Plattenküche”, Helga Feddersen, wäre am 14. März 75 geworden. Was für Erinnerungen hast du an sie?

ZANDER: Sie war eine tolle Lehrmeisterin. Ich kam ja von der Musikbranche und sie hat mich so gut aufgenommen. Denn was Sketche anbetrifft, war ich ziemlich blind. Sie war eine klasse Frau und wir haben uns unheimlich gut verstanden. Ich habe dann auch mitbekommen, wie sie gesundheitlich kämpfen musste, und das tat weh. Das waren sehr, sehr schöne Zeiten mit ihr.

Meinst du, ihr hätte deine „Rabenschwarz”-CD gefallen?

ZANDER: Ich glaube schon. Sie war ja offen für alles.



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